DIE AUSSTELLUNGEN
UND KASSETTENKATALOGE
DES STÄDTISCHEN MUSEUMS
MÖNCHENGLADBACH
1967–1978

Digitales Archivprojekt
initiiert von Susanne Rennert und Susanne Titz

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ANDRE

ANDRE ANDRE, Museum Mönchengladbach 1968, Raum VIII: Carl Andre, Mönchengladbach Square, 1968, Foto: Ruth Kaiser, Archiv Museum Abteiberg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2022
Grundriss Erdgeschoss Obergeschoss 2 neu
Einladungskarte ANDRE, 1968

ANDRE, 18.10. – 15.12.1968
Carl Andre (1935 Quincy, Mass. – 2024 New York/​USA)

Erste Einzelausstellung in einem Museum

EG: Eingang (I) und (vermutlich) Raum III,
1.OG: alle Räume (VI, VII, VIII und IX [2 Quadrate]). Gleichzeitig im Gartensaal (II): 40 Lithografien von Honoré Daumier aus Museumsbestand

Pressenotiz Städtisches Museum Mönchengladbach, 16.10.1968, Archiv Museum Abteiberg
Pressenotiz Städtisches Museum Mönchengladbach, 16.10.1968, Archiv Museum Abteiberg
Pressenotiz Städtisches Museum Mönchengladbach, 16.10.1968, Archiv Museum Abteiberg

Rekonstruktion und Text: Susanne Rennert 

Die Schau ist die erste Einzelausstellung Carl Andres in einem Museum […]. Erstmalig bekannt gemacht wurde der Amerikaner in Europa durch eine Ausstellung bei Konrad Fischer in Düsseldorf im vergangenen Jahr. Ein großes Publikum lernte Arbeiten von Andre in der Minimal-Art-Ausstellung in Den Haag, die gegenwärtig durch Europa wandert und Anfang des kommenden Jahres in die Kunsthalle Düsseldorf kommt, sowie auf der documenta IV‘ und im Prospect 68‘ in Düsseldorf kennen.“1

Soweit der Düsseldorfer Kunstkritiker Hans Strelow zur großen Präsenz des Künstlers im Jahr 1968, in dem sich die Minimal Art in Europa als Manifestation eines radikal neuen Kunstverständnisses durchsetzte, das die Skulptur vom Sockel befreite und den Rezipient:innen die Erfahrung des gesamten realen und mentalen Raums erschloss. Strelow, der mit Konrad Fischer im September 1968 die erfolgreiche erste Ausgabe von Prospect in der Düsseldorfer Kunsthalle als internationalen Gegenentwurf zum zweiten Kölner Kunstmarkt initiiert hatte, rezensierte Andres Mönchengladbacher Ausstellung zweimal ausführlich („Appell an die Sinne“, Rheinische Post; Das Einfache als Magie“, Frankfurter Allgemeine Zeitung).

Carl Andre: 35 Timber Row und HOT ROLLED STEEL PLATES No. 8001 – No. 8006, Fotos: Ruth Kaiser

Mit Carl Andre präsentierte Johannes Cladders nicht nur die erste internationale Position seines Programms, sondern auch die erste ortsspezifische Ausstellung im Museum an der Bismarckstraße, der bis 1978 zahlreiche weitere folgten. Andres Ausstellung markiert zudem den Beginn der äußerst produktiven Kooperationsprozesse, die Cladders speziell mit dem Düsseldorfer Galeristen Konrad Fischer verbanden, dessen progressive Aktivitäten das Mönchengladbacher Programm nachhaltig prägten.2

Konrad und Dorothee Fischer hatten im Oktober 1967 ihren Galerienraum („Ausstellungen bei Konrad Fischer“) in einer Tordurchfahrt in der Düsseldorfer Altstadt mit Andres 5 x 20 Altstadt Rectangle eröffnet: einer raumfüllenden betretbaren Bodeninstallation aus 100 industriell hergestellten Stahlplatten, die – wie 1968 im Museum Mönchengladbach – von etlichen Besucher:innen zunächst nicht als künstlerisches Werk“ wahrgenommen wurde. Fischers initiative Rolle für die Planung und Organisation dieser Ausstellung manifestiert sich immer wieder deutlich in der Korrespondenz . Schon seinem ersten Brief vom 11. Juli 1968 legte der strategisch denkende, international agierende Galerist – der noch bis 1967 als Maler Konrad Lueg selbst künstlerisch gearbeitet hatte – die Grundrisse des Museums bei und schreibt:

Dear Carl! How are you? I hope Aspen is O.K. and the drinks there, too. I have been at the Museum of Mönchengladbach and I have spoken to Dr. Cladders (Director). […] Dr. Cladders is at the Museum since last year and he did the following shows: 1. Beuys 2. Heerich (Dwan show in Okt.) 3. Posters 4. Collection of the Museum 5. Carl Andre […] Cladders had much success with his shows, specially Beuys and Heerich. Ströher (collector) bought the whole Beuys show. I think this small museum is becoming more and more important and now well known in Europe and famous for its extraordinary catalogs. So far. I have spoken with Cladders and can say you this: The Museum will pay your trip from N.Y. to Mönchengladbach and your stay there. All kinds of stuff (stones, wood, poryform except metall [sic] you can get from the city of Mönchengladbach, also transports from Düsseldorf to Mönchengladbach or from Bergeyck to M. or so. I think, may be, it would be good to show some earlier pieces, which you could rebuild there. Perhaps it should be a small retrospective show of yours. Cladders will make a catalogue for your show. The catalogues are always in a box, like this: […] I also send you the plan of the rooms. Please write me soon what you nearly want to do. Greetings from Dorothee and have a good time in Aspen!”3

Carl Andres Antwort am 20.Juli an den Freund in Düsseldorf:

DEAR KONRAD, THANKS FOR YOUR LETTER & PLANS FOR MÖNCHENGLADBACH. I MET DR. CLADDERS IN KASSEL & REMEMBER BEING THROUGH HIS TOWN. I WANT TO DO THE SHOW VERY MUCH. ALSOHOPE TO HAVESHOW AT YOUR GALLERY ANDPIECE IN PROSPECT 68. […] DID YOU SEE HANNE DARBOVEN´S NEW WORK? I THOUGHT IT WAS TERRIFIC. ARE YOU GOING TO GIVE HERSHOW? YOU SHOULD.”4

Johannes Cladders, Brief an Konrad Fischer, 28.10.1968, masch., Du., Archiv Museum Abteiberg
Johannes Cladders, Brief an Konrad Fischer, 28.10.1968, masch., Du., Archiv Museum Abteiberg
Johannes Cladders, Brief an Konrad Fischer, 28.10.1968, masch., Du., Archiv Museum Abteiberg
Johannes Cladders, Brief an Konrad Fischer, 12.12.1968, masch., Du., Archiv Museum Abteiberg
Johannes Cladders, Brief an Konrad Fischer, 12.12.1968, masch., Du., Archiv Museum Abteiberg
Johannes Cladders, Brief an Konrad Fischer, 12.12.1968, masch., Du., Archiv Museum Abteiberg

Die aufschlussreiche Korrespondenz zur Ausstellung Carl Andres in Mönchengladbach ermöglicht sehr direkte Einblicke in die hohe Effizienz der damaligen internationalen Netzwerke, in ihre kooperativen Strategien und den Fokus auf eine Konzentration der Interessen und eine bestmögliche Ökonomisierung der Mittel. Exemplarisch machen die Archivdokumente die umwälzende Veränderung sichtbar, die das neuartige Arbeiten on site“ um 1967/68 für alle involvierten Akteur:innen mit sich brachte: Flugtickets und Produktionskosten werden von den Institutionen übernommen5, der Künstler arbeitet nicht länger als Studio Artist“ an einer Vorab-Produktion im Atelier, sondern konzipiert und realisiert seine Werke vor Ort und in direkter Auseinandersetzung mit der spezifischen Raumsituation.

Carl Andre erinnert, dass er im September 1968 nach Düsseldorf kam, wo er bei Konrad und Dorothee Fischer wohnte.6Parallel zur Konzeption für Mönchengladbach arbeitete er an seinem Beitrag für Prospect, wo er 35 Timber Line realisierte (20.– 29.9.1968).7Mit den Werken 35 Timber Row und 36 HOT ROLLED STEEL PLATES No. 8001 – No. 80068, die unter dem Titel Mönchengladbach Squares No. 8001 – No. 8006 in die Kunstgeschichte eingingen, wurde drei Wochen später Andres Ausstellung im Museum Mönchengladbach eröffnet. Beim Ausstellungsaufbau wirkte Richard Long mit, der – mit Andre befreundet – ebenfalls zu den Künstlern der Galerie Fischer zählte.

Rechnung der Firma Mannesmann-Meer an Städtisches Museum Mönchengladbach, 15.10.1968, Archiv Museum Abteiberg
Rechnung der Firma Mannesmann-Meer an Städtisches Museum Mönchengladbach, 15.10.1968, Archiv Museum Abteiberg
Rechnung der Firma Mannesmann-Meer an Städtisches Museum Mönchengladbach, 15.10.1968, Archiv Museum Abteiberg

Die Ausstellung: 35 Timber Row und 36 HOT ROLLED STEEL PLATES No. 8001 – No. 8006 (Mönchengladbach Squares)

Die Besucher der Andre-Vernissage […] stolperten schon beim Betreten des Hauses in der Bismarckstraße. Ausgerechnet zur Eröffnung der neuen Ausstellung […] war der Fußboden defekt. Nur über einen kastenartigen Holzsteg kam man ins Haus. In Wirklichkeit stand man in diesem Augenblick schon mit beiden Beinen im künstlerischen Geschehen. […] Die Stahlplatten, die in allen Ausstellungsräumen wie ein zweites brutales Parkett aneinandergefügt den Boden bedecken, zeigen die natürlichen Spuren der Hitzeeinwirkung. Ein Andre-Bewunderer meinte dazu sachverständig: Die passen nicht auf das helle Holzparkett. Sie müßten im Luxusgemach einer Diva auf weißem Velours liegen, da würden sie noch krasser wirken‘.“9

Im Entrée des Museums lag auf dem bunten Ornament der historischen Steinfliesen die Bodenplastik 35 Timber Row als ein sieben Meter langer Steg von 35 an den Längsseiten aneinandergelegten rohen Holzbalken. In den fünf Ausstellungsräumen, die damals zur Verfügung standen10, verteilte Andre insgesamt sechs Quadrate aus 36 (66) flachen, unverbunden aneinandergelegten Stahlplatten. Das Material – 221 Stahlblechplatten 5005008 mm“11 – war am 15. Oktober von der ortsansässigen Firma Mannesmann-Meer geliefert worden. (Carl Andre: I ALWAYS ORDER EXTRA PLATES.“12).

Zur konsequenten Setzung der Skulpturen bemerkte Hans Hans Strelow in seinem Artikel Appell an die Sinne“ in der Rheinischen Post: Diese äußerste Einfachheit der Elemente gibt dem Besucher keine Schwierigkeit des visuellen Erfassens auf. […] Diese Erweiterung im Erleben eines Kunstwerkes geschieht durch den Verzicht auf jegliche besondere Attraktion der Augen. Das Sehen ist also nicht mehr die vorrangige sinnliche Fähigkeit, an die das Kunstwerk appeliert. Gleich wichtig sind die übrigen Sinne.“13Aus heutiger Sicht scheint die lakonische Radikalität der sechs Mönchengladbach Squares nicht nur Carl Andres Idee von Skulptur als Ort“14, sondern auch die politischen und gesellschaftlichen Forderungen der 68er Generation – Bewusstseinserweiterung, Hierarchielosigkeit und den Traum der herrschaftslosen Sprache“15– besonders unmittelbar zu materialisieren. 

Dass das genaue Schema des elementar reduzierten Ausstellungsdisplays keineswegs von Anfang an feststand und alternative Konzeptionen diskutiert worden sind, geht aus Cladders´ Rede zur Eröffnung der Ausstellung und aus Archivdokumenten hervor. Eine der später wieder verworfenen Ideen sah beispielsweise vor, zusätzlich im Treppenhaus und in den Ausstellungsräumen weiße Stoffquadrate aufzuhängen, die im spezifischen Maß der Stahlplatten angefertigt waren.16Diese – relativ kurzfristig von Cladders in Auftrag gegebenen – Tücher produzierte dieselbe Firma, die auch die Tischläufer“ aus Leinen für den Kassettenkatalog herstellte.


Kassettenkatalog ANDRE, 1968

Kassettenkatalog

Die Katalogkassetten mit einem Deckel aus transparentem Kunststoff wurden, wie auch die einlegte Edition der Tischläufer“, bei der Herbert Kabjoll GmbH im westfälischen Beverungen produziert. Den Kontakt zu der Firma, die auf Dekorationsstoffe und Textileinlagen spezialisiert war, vermittelten die Inhaber der Mönchengladbacher Firma Gebr. Heinemann, die im Museumsverein aktiv waren.17Anhand der Korrespondenz im Archiv des Museums wird deutlich, welche zentrale Rolle Johannes Cladders bei der Konzeption des Kassettenkatalogs spielte.18

Cladders´ Eigeninitiative war offenbar nicht im Sinne des Künstlers. 2016 gab Andre auf meine Frage Which meaning had the box catalog for you back then, which has it today?” lakonisch zur Antwort: NONE”.19


Im Nachgang

Im Anschluss an die Ausstellung erwarb Cladders zwei der sechs Mönchengladbach Squares (No. 8001 und No. 8002) mit den dazu gehörigen Zertifikaten zum Gesamtpreis von 18.000 DM für die Sammlung des Museums.20 No. 8003, No. 8004, No. 8005 und No. 8006 veräußerte die Galerie Konrad Fischer an weitere namhafte Sammlungen und Galerien (Gian Enzo Sperone, Turin; Wolfgang Hahn, Köln; Anina Weber, New York; Bruno Bischofberger, Zürich).21 35 Timber Row befindet sich heute als Rekonstruktion (1980) im Kröller-Müller Museum in Otterlo/​NL.22

WHAT IS THE POINT OF YOUR WORK?
I DO IT BECAUSEWANT TO SEE IT IN THE WORLD
IT IS ALL ABOUT MATTER EXISTING.”
23(Andre, 1968)

Deutsche Übersetzung von Carl Andres Text "Artist Interviews Himself" für Kassettenkatalog ANDRE, Typoskript, Archiv Museum Abteiberg
Deutsche Übersetzung von Carl Andres Text "Artist Interviews Himself" für Kassettenkatalog ANDRE, Typoskript, Archiv Museum Abteiberg
Deutsche Übersetzung von Carl Andres Text "Artist Interviews Himself" für Kassettenkatalog ANDRE, Typoskript, Archiv Museum Abteiberg


Dank an The Carl Andre and Melissa L. Kretschmer Foundation

Quellenangaben / Anmerkungen

Johannes Cladders, Rede zur Eröffnung der Ausstellung

Minimal Art, Primary Structures, vielleicht am Rande auch noch Hard Edge – das sind Bezeichnungen, Tendenzen, Schubladen, die sich dem, der sich mit Gegenwartskunst etwas beschäftigt hat, geradezu anbieten, die Arbeiten von A n d r e unterzubringen. Wir haben offensichtlich ein Bedürfnis nach solcher Etikettierung – und es ist legitim, denn eine Kurzformel eignet sich durchaus zur Gedanken–, Gedächtnis- oder Beschreibungsstütze. Und zweifellos hat Andre ja auch mit den genannten Tendenzen zu tun, so wie jeder Künstler nicht in einem luftleeren Raum steht, sondern im besten Sinne des Wortes Traditionalist ist, was nicht weniger besagt als schöpferischer Weiterführer. Niemals kann es jedoch, wenn von künstlerischer Tradition die Rede ist, so etwas bedeuten wie Abklatsch, Wiederholung (ein leider landläufiges Missverständnis des Wortes Tradition); denn das hieße Kunst und Künstler zu Plagiat und Plagiator zu degradieren.

Als Traditionalist steht Andre in einer langen Kette etwa der abstrakten Kunst, der Konstruktivisten und Konkreten. Aber als echter, künstlerischer, schöpferischer Traditionalist hat er eben auch die Kraft und Fähigkeit, Plagiat und Epigonales zu vermeiden. Er begeht neue Wege, setzt selbständige, neue Glieder in einer Kette. Er tut genau das, wodurch sich Kunst immer schon als solche erwies, wenn sie sich aus den betörenden Verstrickungen, in die sie sich selbst begibt, aus der Behäbigkeit und Sicherheit, in der sie sich wohlig eingerichtet hat, auch immer wieder selbst befreit, wenn sie von falschen Ansprüchen zum elementaren, ursprünglichen Angebot zurückkehrt.

Einer der falschen Ansprüche von Kunst ist der Aufwand. Aufwand wurde z.B. in der jüngeren Entwicklung abgebaut, in der abstrakten Kunst etwa, als sie sich vom hohlen Pathos der Literatur zur reinen Komposition hin löste. Ein anderer Aufwand, nämlich der der Emotion, die durchaus in abstrakter Kunst möglich ist, wurde z.B. bei den Konstruktivisten abgebaut. Das sind natürlich wieder alles verkürzende Begriffe und Schlagworte. Aber es verbergen sich Manifeste dahinter, Zielsetzungen Bemühungen, die Tradition der Kunst selbst rein und unverfälscht zu erhalten. Komposition, Emotion, ja selbst der Gegenstand, der ja immer auch literarische Qualitäten in sich birgt, gingen bei diesen Prozessen aber letztlich nicht für ewig verloren. Wir sahen sie wieder deutlich und rein hervortreten etwa im Action Painting, im Nouveau Réalisme oder in der Pop Art.

Doch es geschieht immer im Sinne des Abbaues falscher Ansprüche des Aufwandes, in den Kunst immer wieder hinein zu treiben droht und auch hinein treibt oder auf dessen Piedestal sich Kunst immer wieder zu etablieren versucht und sich damit graduell von Kunst entfernt.

Andre bleibt der Tradition der Kunst treu, indem er wieder von falschen Ansprüchen zurücktritt, indem er den Aufwand soweit meidet – und den damit verbundenen Anspruch –‚ dass seine Werke zunächst kaum als Werke bildender Kunst ins Auge fallen. Sie sind es trotzdem oder gerade deswegen, denn sie haben sich auf die Aufwandslosigkeit und Unscheinbarkeit des Selbstverständlichen zurückgezogen. Als ich z.B. zum ersten Mal eine Arbeit von ihm sah, stand ich bereits darauf. Auf der letzten documenta hielten viele Besucher seinen Plattenpfad aus Betonplatten für die Abdeckung eines Kabels und gingen mit dem gleichen Vergnügen darüber hinweg, wie man zum Spaß über einen Bordstein balanciert. Und auf der Prospect-Ausstellung in Düsseldorf hielten nicht wenige – so wurde mir berichtet – seine Holzbalken vor der Kunsthalle für eine Absperrung für die durch Aufwand sich augenscheinlich und unübersehbar als Kunst deklarierenden Werke in der nächsten Umgebung.

Abbau des Aufwands, das war ein zentrales Problem auch beim Aufbau dieser Ausstellung, die sich so leicht, so unkompliziert, so selbstverständlich gibt, und die gerade deswegen so viele Probleme aufwarf und radikale Lösungen forderte. Zunächst war daran gedacht, die zur Verfügung stehenden Bodenflächen in der Weise zu nutzen, dass mit insgesamt 221 Stahlplatten immer größer werdende Flächen quadratisch belegt werden sollten. Also beginnend mit einer einzigen Platte, dem kleinsten Element, der kleinsten Einheit der Zusammenstellungen im Format 50 x 50 cm. Die nächst größere quadratische Zusammenstellung wäre dann mit 4 Platten möglich gewesen und hätte ein Quadrat von 1 x 1 m ergeben. Die letzte und größte Zusammenstellung war mit 5 x 5 m geplant, bestehend aus 100 Platten. Sie hätte genau einen Ausstellungsraum hier im Hause gefüllt, der genau 5 x 5 m Bodenfläche misst. Raummaße und Plattenzusammenstellung wären in diesem Falle identisch gewesen. Aber die übrigen Räume sind nicht quadratisch. Die Maßabweichungen hätten dort eine Aufmerksamkeit provoziert, die als falscher Anspruch im Sinne eines dekorativen Arrangements hätte gedeutet werden können. Zudem standen der erforderlichen kontinuierlichen Progression des Quadratmaßes die Besonderheiten der Raumabfolgen des Museums entgegen. Die unterschiedlichen Quadratgrößen hätten nicht im Nacheinander, sondern nur die Anpassung an die Zufälligkeiten der Raumgegebenheiten gebracht werden können. Auch dadurch hätten die Plattenauslegungen im Sinne eines dekorativen Arrangements missverstanden werden können. Dekoration war aber in jedem Falle zu vermeiden. Sie hätte den Absichten Andres als kunstabseitiger Kompromiss im Wege gestanden.

Andre fertigt nach seinen Plattenauslegungen jeweils Zeichnungen, sozusagen als Echtheitsnachweis, als Bestätigung, dass eine Arbeit seiner Intention entspricht. Zunächst war auch daran gedacht, hier solche Zeichnungen auszuhängen. Doch auch diese Handhabung hätte missverstanden werden können. Man hätte diese Zeichnungen für separate, selbständige Artefakte halten können, etwa im Sinne einer Bildhauer-Zeichnung. Aber das wollen Sie ja gar nicht sein. Die dann folgende Überlegung lief darauf hinaus, die Zeichnungen durch Textilplatten zu ersetzen, Sie sollten ebenfalls das Grundmaß der Stahlplatten haben und die Auslegungen am Boden an den Wänden wiederholen. Es wurde überall im Haus probiert, in den Sälen und im Treppenhaus. Aber es ging nicht. Nicht etwa aus technischen Schwierigkeiten, sondern nur deshalb, weil sich optische und sachliche Missverständnisse einschlichen.

Die Absichten Andres kommen so, wie die Ausstellung jetzt aufgebaut ist, am besten, am reinsten, am kompromisslosesten zur Anschauung. So meine ich wenigstens - und das zusammen mit dem Künstler. Das Gleichmaß der Plattenzusammenlegungen zu Quadraten von jeweils 3 x 3 m, bestehend aus jeweils 36 Platten von je 50 x 50 cm, lenkt den Blick nur auf die Sache selbst, nicht auf etwas außerhalb liegendes, insbesondere nicht auf dekorative Effekte.

A man climbs a mountain because it is there, sagt Andre im Katalog-Text und fährt fort: A man makes a work of art because it is not there. Man besteigt einen Berg, weil es ihn bereits gibt, weil er da steht, weil er vorhanden ist. Ein Kunstwerk wird gemacht, weil es nicht da ist, weil es noch nicht vorhanden ist, weil es es vorher nicht gibt. Dieser Ausspruch bringt auf eine einfache und zugleich anschauliche Formel, was Antriebe und Ziele des Künstlerischen sind. Und ganz speziell, wie Andre selbst seine Arbeit sieht. Sie ist ihm etwas Natürliches und Selbstverständliches, so natürlich und selbstverständlich eben wie ein Berg. Sie ist nur insoweit artifiziell, als er sie nicht vorfindet, sondern erst macht. „I do it because I want to see it in the world. lt is all about matter existing.“ So schließt er den Katalogtext. „Ich mache meine Arbeit, weil ich sie in der Welt zu sehen wünsche. Das ist alles nur Frage ihrer Existenz - überall sind Dinge vorhanden.“ Auf das natürliche, selbstverständliche Dingsein lenkt Andre unseren Blick. Seine Arbeiten sind einfach - und einfache - Dinge: Stahlplatten, Holzblöcke, Betonplatten, Ziegelsteine. Abgesehen von der Arbeit aus Holzbalken im Eingang, zeigt diese Ausstellung nur jeweils gleich große Zusammenlegungen von Stahlplatten.

Die Vereinzelung im Raum, ja die Einsamkeit sozusagen, in die sich die Dinge hineinbegeben haben, lassen ihr Dingsein, das Dinghafte noch stärker hervortreten. Es sind eben Stahlplatten. Das soll und will erkennbar gehalten werden. Andre legt daher auch besonderen Wert auf eindeutigen Materialcharakter, auf urtümliches, möglichst nicht gemischtes, sofort definierbares Material, das der ebenso schnell und unkompliziert definierbaren Form, in der es ausgelegt ist, entspricht. Er liebt neben Stahl und Holz, Kupfer oder Zink, Beton oder Stein, auch Silber und Gold. Von der Art, dem Charakter des Materials sind die Dimensionen seiner Arbeiten abhängig. Dem Beton kann ein Plattenweg von 1 km Länge entsprechen, dem Gold dagegen nur eine Zusammenlegung von wenigen Quadratzentimetern.

In dieser Ausstellung wurde bewusst darauf verzichtet, die breite Skala der Möglichkeiten, die Andre trotz aller Bescheidung auf das Einfache zur Verfügung steht, auszubreiten. Eine solche Ausstellung hätte nämlich das eigentliche Anliegen des Künstlers überdeckt. So stehen wir also praktisch immer wieder vor diesem einen Ding aus Stahl, das 3 x 3 m misst. Immer wieder – in den verschiedenen Räumen. Dass sie verschieden sind, wird dabei auch sichtbar. In diesem Sinne lassen sich die Arbeiten auch als Enviroment ansprechen, als räumliche Arrangements, als Bewusstmachung von Raum.

Ob Sie das alles, die Einfachheit, die ihre vielen Daten schlichtweg verbirgt und die daher gesucht werden müssen, die Dinghaftigkeit, die Materialgebundenheit und die Raumzugehörigkeit, ob Sie das alles heute Abend erkennen und anschauend nachvollziehen können, wage ich zwar wegen der Besucherzahl einer solchen Eröffnung zu bezweifeln. Es gehört dazu eine ruhige, besinnliche Stunde, ebenso wenig laut wie die Dinge, die hier ausgebreitet liegen, die sehr unauffällig und still sind und die zur Meditation auffordern. Ich ergreife gern hier die Gelegenheit, Sie zum Wiederkommen einzuladen, zu einer ruhigeren Zeit. Die Dinge warten auf Sie noch bis zum 15. Dezember, und sie sind dazu geschaffen, in ungestörter Begegnung mit Ihnen, uns die Freiheit mit nach Hause nehmen zu lassen, die Kunst als ständiger Herabstieg vom unangemessenen Piedestal, als ständige Entsagung von etabliertem, falschem Anspruch zu geben vermag.

Gleichzeitig mit der Ausstellung Andre zeigen und eröffnen wir heute Abend hier im Saal auch eine Schau mit Lithographien von Honoré Daumier aus dem Besitz der Graphischen Sammlungen des Museums. So wenig diese beiden Ausstellungen auf den ersten Blick miteinander zu tun haben mögen, sie treffen sich doch genau in dem Punkt, der die Tradition von Kunst ausmacht und bezeichnet, im Realitätscharakter und Realitätsanspruch. Die Realitäten, mit denen wir konfrontiert werden, sind allerdings verschieden. Sie wechseln von Epoche zu Epoche, von Zeitpunkt zu Zeitpunkt. Daumier war im wörtlichsten Sinne der Epochebezeichnung ein Realist: in der Wahl seiner Mittel und in der Schonungslosigkeit seiner Aufdeckungen des Menschlichen und Allzumenschlichen. Er ergriff Realitäten, baute sie vor uns auf, kompromisslos und ohne Angst. Und ich wage den geistigen Brückenschlag zu Andre, der uns ebenso kompromisslos und ohne Angst vor dem falschen Anspruch von „Kunst“, mit Realität – und d.h. stets, eben mit Kunst (ohne Anführungszeichen) konfrontiert. Vielleicht könnte das bei besagter ruhiger Stunde ebenfalls zum Gegenstand der Überlegung werden – wie ich sie bewusst hatte, als ich mich entschloss, diesen Saal hier mit einem Ausschnitt aus den Museumsbeständen zu bestücken.

Zum Schluss möchte ich noch allen danken, die zum Zustandekommen dieser Ausstellungen ihren Beitrag leisteten. An erster Stelle danke ich Herrn Andre selbst, der auch heute Abend hier bei uns ist, für seinen künstlerischen Einsatz, der mit manuellem gleichzeitig gepaart war, Herrn Richard Long, einem jungen Künstler aus England, der mit anpacken half, Herrn Konrad Fischer, der als Galerist mit Rat und Tat zur Verfügung stand, der Firma Mannesmann-Meer aus Mönchengladbach, die das benötigte Material lieferte und den Mitarbeitern dieser Firma, die die insgesamt 3 1/2 Tonnen Stahl unter Schweiß in vierstündiger Arbeit auf die erste Etage des Museums schleppten, Ratsherrn Dr. Wlaschek, der, begeistert von dem Unternehmen dieser Ausstellung, als leitender Angestellter der Firma Mannesmann-Meer Rat, Hilfe und Einfluss in bester Weise zum Gelingen der Ausstellung zum Zuge kommen ließ, der Firma Kabjoll in Beverungen, die Kassette und textile Einlage des Katalogs unter zuvorkommenden Bedingungen besorgte, Ratsherrn Karl Heinemann, ebenfalls am zustande kommen der Ausstellung äußerst interessiert, der die günstige textile „Geschäftsbeziehung“ vermittelte, der Druckerei Küppers in Mönchengladbach, die mit Sorgfalt und Pünktlichkeit die Druckarbeiten des Katalogs ausführte und – last not least – den Mitarbeitern des Museums, die bei den vielen großen und noch mehr kleinen, aber nichtsdestoweniger erforderlichen Dingen beim Aufbau einer Ausstellung mit Freude an der Sache dabei waren.

Erlauben Sie mir, dass ich dem Rat und der Verwaltung der Stadt auch in Ihrem Namen Dank sage dafür, dass sie uns allen solche Begegnungen mit der Kunst ermöglichen. Dieser Dank gilt speziell auch Ratsherrn Kurt Strahl, der als Vorsitzender des Kulturausschusses weit mehr tut, als ein nur pflichtmäßiges Interesse dem Museum zu zeigen – und dem Kulturdezernenten, Herrn Stadtdirektor Dr. Diekamp, der der bildenden Kunst in seinem Amtsbereich den Platz sichern hilft, der ihr als besonderer und wichtiger Erkenntnisbereich im menschlichen „Bild“ von der Welt zukommt. Ohne Mithilfe, Interesse und Einsatz der Genannten hätte die Ausstellung nicht durchgeführt werden können: Zu Ihrer Freude oder auch zu Ihrer Ablehnung, aber jedenfalls zu Ihrer Kenntnisnahme dessen, was der Begriff und echte Anspruch von Kunst heute beinhaltet. In diesem Sinne darf ich gewiss auch Ihren Dank an die Genannten aussprechen – verbunden mit dem meinigen an Sie, zu diesem Unternehmen heute und hier gekommen zu sein.

KASSETTENKATALOG ZUR AUSSTELLUNG

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KASSETTENKATALOG ZUR AUSSTELLUNG
ANDRE, 18.10.–15.12.1968

Schachtel mit Deckel aus transparentem Kunststoff, weiß und schwarz bedruckt, Boden aus weiß kaschiertem Karton, 21 × 17 × 2 cm 

Inhalt: Doppelkarte mit innenliegenden Blättern, Tischläufer 

Doppelkarte, oben gefalzt, recto Titel und Text A Man Climbs A Mountain …“ von Carl Andre, verso Dank und Impressum. Innenliegend 2 oben gefalzte Blätter aus festem Papier mit Text Artist Interviews Himself“ von Carl Andre, letzter Teil des Texts wiederum auf der Doppelkarte (Rückseite innen). Alle Texte in der Handschrift des Künstlers.

Tischläufer, gesäumt aus weißem Leinen, mehrfach gefaltet mit aufgedrucktem Text von J. Cladders und Angaben zum Hersteller, 400 × 16 cm 

Auflage: 660 nummerierte Exemplare 

Druck: J. M. Küppers 

Herstellung der Kassetten und Tischläufer: Herbert Kabjoll, Beverungen

Preis in der Ausstellung: 5 DM

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Verzeichnis der ausgestellten Werke

Ausgestellte Werke

EG Eingang (I):

35 Timber Row, 1968
Holz, 20 x 100 x 700 cm (35 Teile von 20 x 100 x 20 cm), vor Ort entstanden. Ehemals Sammlung Mia und Martin Visser, heute Kröller-Müller Museum Otterlo, NL (Rekonstruktion 1980)

EG: (vermutlich) Raum III (oder IV?) und 1.OG: alle Räume (VI, VII, VIII und IX [2 Quadrate]):

Steel Piece [Mönchengladbach Square], No. 8001 – No. 8006, 1968
6 Quadrate aus jeweils 36 (6x 6) Stahlplatten
jede Platte 50 x 50 x 0,8 cm
ausgelegt zum Quadrat 300 x 300 x 0,8 cm
No. 8001 und No. 8002 befinden sich seit 1969 im Besitz des MAM.


Kassettenkatalog

Einladungskarte / Plakat / Druckerzeugnisse

Archiv Fotografien

Archiv Audio

Archiv Dokumente / Korrespondenz

Archiv Presse

Presse

Kurzankündigungen / Meldungen

o. V., Mit Tischläufer von Carl Andre, in: Westdeutsche Zeitung, 16.10.1968
o. V., Andre und Daumier, in: Rheinische Post, 18.10.1968
o. V., Andre und Daumier, in: Westdeutsche Zeitung, 18.10.1968
o.V., 50 Kataloge nach New York, in: Rheinische Post, 23.10.1968
o. V., Ausstellung Andre, in: Westdeutsche Zeitung, 23.10.1968

Berichte / Rezensionen / Kommentare

cj [Claudia Junkers], Stolper-Kunst. Museum provoziert und findet Beachtung, in: Westdeutsche Zeitung, 22.10.1968
Hans Strelow, Appell an die Sinne. Ausstellung Carl Andre in Mönchengladbach, in: Rheinische Post, 24.10.1968
Hans Strelow, Das Einfache als Magie. Stahlplatten von Carl Andre, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.12.1968
h.-j. b., Ausstellung Carl André, Tintenkleckse, 31.3.1969